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01 Okt

Hexenhammer trifft Bosonenkammer

finstere-wahrheitOb es um die Vermessung der Gefühle geht, neues aus der Fusionsforschung oder Fuzzy Logic: Wer via Podcast oder Live deutsche Wissenschafts-Sendungen im Radio verfolgt, stößt irgendwann fast schon zwangsläufig auf das eine oder andere Feature von Uwe Springfeld. Der promovierte Physiker ist schon seit mehr als zwanzig Jahren als Wissenschaftsjournalist unterwegs, um aus den Laboren und Forschungsstätten rund um den Globus „Atmo“ und „O-Töne“ ins Studio mitzubringen.

Dabei ist ihm bewusst: Wissenschaftsjournalismus ist immer auch ein Teil von Wissenschafts-PR, nicht nur unser Bild über die Welt im Kleinen und Großen, von Quarks bis zu galaktischen Superclustern, sondern auch Wissenschaftspolitik und Forschungsetats wird von Medien mitbestimmt. Springfeld hat sich wohl auch deshalb einen gesunden Skeptizismus bewahrt gegenüber den ubiquitären High-Tech-Hypes. Sein Buch „Menschmaschine – Maschinenmensch“ etwa dampfte die Versprechungen der „AI“ gleich im Untertitel erheblich ein: „Warum wir Maschinen sind, die man nicht nachbauen kann“, hieß es da.

Um eine Grundsatzfrage geht es auch in seinem neuen Titel „Finstere Wahrheit“, gerade erschienen bei ebooknews press – wie genau verläuft eigentlich die naturwissenschaftliche Konstruktion unseres Weltbildes von Spekulation und Experiment bis hin zur Erkenntnis? In den Worten von Springfeld: „Kann sich die Natur gegenüber den Wissenschaften überhaupt verständlich machen? Keine triviale Frage, denn die Natur äußert sich oft nur mit einem Piep, einem Zeigerausschlag oder einer Teilchenspur in einem Detektor, die man auch nicht mehr direkt beobachtet, sondern nur noch mittelbar aus bearbeiteten Rohdaten herausliest“.

Maliziös stellt Springfeld der Jagd nach dem Higgs-Boson den „Malleus Maleficarum“ alias „Hexenhammer“ aus dem späten 15. Jahrhundert gegenüber, einer wissenschaftlichen Anleitung zur Hexenjagd: „Der Hexenhammer gliedert sich ähnlich wie viele heutige Dissertationen in die klassischen drei Abschnitte Theorie-, Daten- und Schlussteil“. Gemessen an heutigen, wissenschaftlichen Maßstäben zeige der Hexenhammer nur eine einzige Schwäche: „Die Ausgangshypothese ist falsch. Es gibt keine Hexen.“ Vor 500 Jahren war die Existenz von schwarzer Magie jedoch Alltagwissen: weil führende Wissenschaftler den katholischen Glauben als Wahrheit ansahen, schien auch der Glaube an Hexerei vernünftig. Wer anderes behauptete, wurde als naiver Gutmensch belächelt.

Die Ähnlichkeiten zwischen den berühmt-berüchtigten Doctores Heinrich Kramer und Jakob Sprenger zu den Naturwissenschaftlern unserer Tagen sind verblüffend groß – man tastet sich voran auf Grundlage von als bewiesen geglaubten Annahmen. „Ist eine Teilchenspur im Detektor also genauso ein Beweis für die Existenz von Elementarteilchen wie unerklärliche Impotenz beim Mann für die Existenz von Hexen?“, fragt Springfeld. Und rückt dann mit der finsteren Wahrheit heraus, die gerne verdrängt wird: „Tatsächlich führt kein logischer Schluss folgerichtig von Phänomenen zu einer zwangsläufig richtigen Theorie“.

Doch irgendwo muss es ja doch entstehen, unsere Weltbild? Springfeld nimmt den Leser mit auf eine Reise hinter die Kulissen der modernen Naturwissenschaft, vom Standard-Professorenbüro in Berlin bis zum gigantischen Tief-Labor unter den französischen Alpen. Versteckt vor störender Öffentlichkeit wie auch Umgebungsstrahlung werkeln Milliarden Euro teure Elementarteilchenbeschleuniger und Detektoren – Hochtechnologie, hochkomplex, doch letztlich, so Springfeld, handelt es sich um „Philosophiemaschinen“: „Sie erzählen vom Stellenwert der Erde in der Unendlichkeit des Universums, von der Geschichte des Weltalls und von einer Welt, die ohne Götter, ohne Schicksal und ohne übernatürliche Kräfte doch irgendwie ihre Balance hält“.

Vor allem liefern sie aber Bausteine, aus denen die Scientific Community Stück für Stück das zusammensetzt, was als „Wahrheit“ gilt. Doch wo – oder wann – genau findet er statt, der Moment, an dem aus dem Warten auf die Daten plötzlich die naturwissenschaftliche Erkenntnis entspringt? Und wer steuert diesen Prozess? Vom Hexenhammer über den Teilchenbeschleuniger landet Springfeld kurz zwischen bei der Wissenschaftssoziologie, um dann kopfschüttelnd zu einer verblüffend einfachen Lösung zu gelangen…