Leberecht_Huenchen_Cover_vlb

Leberecht Hühnchen. Oder: Die Kunst, glücklich zu sein

9,90

Format: Taschenbuch (Edition Widergänger)
Erschienen: 05.12.2018
Seitenzahl: 252
ISBN: 9783944953595

>>>> Volltext-Leseprobe (PDF) anschauen…

>>>> Beim Buchhändler vor Ort bestellen (via genialokal.de)

Bei Amazon bestellen

Heinrich Seidel,
Leberecht Hühnchen. Oder: Die Kunst, glücklich zu sein

>>>> in Kürze auch als E-Book (Multiformat) lieferbar

Dem schreibenden Ingenieur Heinrich Seidel (1842 – 1906) wollten manche Zeitgenossen den Rang des echten Literaten partout nicht zuerkennen: „Die Konstruktion der Anhalter Bahnhofshalle ist entschieden ruhmwürdiger als der Roman“, mäkelte etwa der Berliner Verleger Ernst von Wolzogen, und zielte damit ausgerechnet auf Seidels Erzählband „Leberecht Hühnchen“. Dessen Titelheld schaffte es nicht nur in zahlreiche bürgerliche Bücherschränke, sondern ist heutzutage quasi das Etikett, unter dem der Autor im kulturellen Gedächtnis verankert ist. Was wohl wiederum auch damit zusammenhängt, dass der Lebenskünstler Hühnchen damals wie heute den Nerv der Zeit trifft.
„Leberecht Hühnchen gehörte zu denjenigen Bevorzugten, welche eine gütige Fee das beste Geschenk, die Kunst glücklich zu sein, auf die Wiege gelegt hatte“, wird die Figur vom Erzähler vorgestellt, „er besaß die Gabe, aus allen Blumen, selbst aus den giftigen, Honig zu saugen.“
Und das ist nicht wenig, denn obwohl die Dampfmaschine inzwischen als industrieller Schrittmacher und Schöpfer des Massenwohlstands von der Digitalisierung abgelöst wurde, lässt sich Glück und Zufriedenheit auch heute nicht so einfach produzieren.
Leberecht Hühnchen setzt mit seiner „Kunst, glücklich zu sein“ bereits praktisch um, was heutzutage von der „Glücksforschung“ theoretisch fundiert wird: Er hat nicht nur eine grundsätzlich positive Perspektive auf die Dinge und die Menschen, er richtet sein Lebensumfeld auch tatkräftig danach aus, so zufrieden wie möglich zu sein. Zu den Faktoren, die auch heutige Glücksforscher nennen würden, zählen der Aufbau einer eigenen Familie, gemeinsame Feiern mit Freunden, die Gartenarbeit, Haustiere, aber auch ein Hobby, in diesem Fall das Schreiben (die Romanfigur ist insofern natürlich deutlich nach dem Vorbild des schreibenden Ingenieurs Seidel selbst angelegt).
Verfügbares Geld, allgemeines Konsumniveau und erst recht Statussymbole spielen dagegen nur eine untergeordnete Rolle in Hühnchens Leben. Was auch der Erzähler neidlos anerkennen muss: „Was sollte ich ihnen [der Familie Hühnchen] wünschen? Würde Reichtum ihr Glück befördern? Würde Ruhm und Ehre ihnen gedeihlich sein, wonach sie gar nicht trachteten?“ fragt er sich nach einem Besuch, und wünscht ihnen am Ende nur „Brot“ und „Gesundheit“, denn für das übrige „werden sie schon selber sorgen“.

Mehr zum Autor:

Im Literaturbetrieb des Kaiserreiches mischte Heinrich Seidel schon von Anfang an mit, freilich zunächst als Feierabend-Skribent. Erst 1880 gab der damals knapp Vierzigjährige sein „sonderbares Doppelleben“ (laut Lebenserinnerungen „Von Perlin nach Berlin“) auf und arbeitete von nun an ausschließlich als Schriftsteller. Neben Gedichten und Novellen entstanden auch diverse längere Texte, darunter die Science-Fiction-Erzählung „Im Jahre 1984“ — dort wird der Berliner Gottlieb Nothnagel aus dem Jahr 1884 in die hauptstädtische Maschinenwelt des späten 20. Jahrhunderts versetzt —, sowie den in Mecklenburg spielenden, autobiografisch geprägten (Jugend-)Roman „Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande“.
Das zeitgenösssische Selbstbewusstsein des Ingenieurs hat Seidel zugleich mit seinem „Ingenieurslied“ von 1871 zum publikumswirksamen Slogan gemacht, der Generationen überdauerte: „Dem Ingenieur ist nichts zu schwere“, heißt es in der ersten Strophe, „er lacht und spricht: „Wenn dieses nicht, so geht doch das! (…) Kein Hinderniss ist ihm zu groß — Er geht drauf los!“.
Heutzutage kennen wir den Slogan allerdings über einen populärkulturellen Umweg, denn die Micky-Maus-Übersetzerin Erika Fuchs machte daraus in den 1950er Jahren das Motto der Comic-Figur Daniel Düsentrieb: „Dem Ingenieur ist nichts zu schwör“.
Quasi inkognito sind auch einige Konstruktionen vom Seidelschen Reißbrett im hautpstädtischen Stadtbild präsent: Wer in Berlin-Kreuzberg die Yorckbrücken über- oder unterquert oder die Ruine des Anhalter Bahnhofs passiert, begegnet dabei den Spuren Seidelscher Schreibtischarbeiten, denn der gelernte Ingenieur entwarf lange Jahre Bauwerke für die Berlin-Potsdamer sowie die Berlin-Anhaltinische Bahn.
In seinen Lebenserinnerungen „Von Perlin nach Berlin“ berichtet der gebürtige Mecklenburger nicht ohne Stolz über die Dachkonstruktion, mit der die Ankunftshalle des Anhalter Bahnhofs überspannt war, und die „einmal durch meinen Kopf gegangen ist“. Die Spannweite betrug 62,5 Meter, und sei in dieser Form „zum ersten Mal auf dem ganzen Kontinent geplant und ausgeführt“ worden.